• SCHLAFSTÖRUNGSYSTEM

Schlaftabletten: Nur in schweren Fällen sinnvoll

Viele Menschen leiden an behandlungsbedürftigen Schlafstörungen. Laut Erhebungen der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sind hierzulande sechs bis zehn Prozent der Menschen davon betroffen. Damit zählen Ein- und Durchschlafstörungen zu den Volkskrankheiten. Um ihre Beschwerden zu lindern, greifen viele Patienten zu Schlaftabletten (Hypnotika).


Wann Schlaftabletten hilfreich sind


Chemisch-pharmazeutische Schlafhelfer sollten grundsätzlich nur eingenommen werden, wenn der Betroffene seit längerer Zeit Schlafprobleme hat und dringend Nachtruhe benötigt. Denn Medikamente zum Schlafen lindern lediglich die Symptome. Die Ursache der Schlafstörungen können sie nicht beseitigen. Daher verschreiben verantwortungsbewusste Ärzte sie nur in bestimmten Fällen zur Langzeittherapie.

Ob bei Ihnen Schlaftabletten angebracht sind, entscheidet der Arzt aufgrund seiner Diagnose und der Dauer Ihres Schlafproblems. Haben Sie seit kurzer Zeit Schlafstörungen, die mit erheblicher gesundheitlicher Beeinträchtigung einhergehen, sollten Sie sich die Medikamente unbedingt verschreiben lassen.

Sie verschaffen Ihnen kurzfristig Erleichterung und verhindern, dass Sie wegen Ihrer Tagesmüdigkeit Probleme auf der Arbeit bekommen. Allerdings nehmen Sie diese schlaffördernden Mittel nur vorübergehend.

Sind Ihre chronischen Schlafstörungen Folge einer organischen oder seelischen Erkrankung, erhalten Sie die Schlaftabletten zusätzlich zur Behandlung Ihrer Grunderkrankung. Sind Sie beispielsweise Schmerzpatient und bessern sich Ihre nächtlichen Schmerzen, werden die Schlaftabletten ausschleichend abgesetzt.

Eine Langzeitbehandlung mit Schlaftabletten ist nur angebracht, wenn Sie an einer schwer therapierbaren Erkrankung leiden. Nehmen Sie seit Jahren Schlafmittel ein, hat sich bei Ihnen vermutlich eine Abhängigkeit entwickelt. Um eine Dosiserhöhung zu vermeiden, lassen Sie sich am besten von einem Schlafmediziner gründlich untersuchen.

Anschließend erhalten Sie ein anderes Schlafmittel und eine ergänzende nichtmedikamentöse Therapie. Tritt auch dann keine Besserung ein, überweist man Sie an ein Schlaflabor. Die dort durchgeführten Tests bringen neue Erkenntnisse, die für Ihre zukünftige Behandlung genutzt werden.


Dauer und Häufigkeit der Einnahme


Beim Konsum von Schlaftabletten gilt grundsätzlich: so niedrig dosiert und so kurz wie möglich und kein abruptes Absetzen des Medikaments. Mehrere Expertenkommissionen empfehlen bei Patienten ohne körperliche oder psychiatrische Grunderkrankung eine Therapiedauer von vier bis acht Wochen.

Ist eine psychische Erkrankung wie beispielsweise eine Schizophrenie für den gestörten Schlaf verantwortlich, werden die speziellen Schlaftabletten (Neuroleptika) monate- bis jahrelang verordnet. Eine längerfristige Schlaftabletten Verabreichung ist auch dann angezeigt, wenn

  • Sie durch den Schlafentzug stark beeinträchtigt sind

 

  • Sie seit mehreren Monaten nicht mehr richtig schlafen

 

  • der Schlafmediziner bei Ihnen keine therapierbare Ursache feststellt

 

  • Sie wenigstens zweimal erfolglos mit alternativen Verfahren behandelt wurden

 

  • Ihr Schlaf laut Analyse des Schlaflabors stark gestört ist

 

  • die eingenommenen Schlaftabletten noch dieselbe Wirksamkeit haben

 

  • es während der Absetzphase erneut zu Schlafstörungen kommt

 

  • Sie bereits älter sind, die Schlaftabletten bei Ihnen eine unveränderte Wirksamkeit zeigen und bei Ihnen keine gravierenden Nebenwirkungen auftreten


Wie Sie einer Abhängigkeit vorbeugen


Um einer Schlafmittelabhängigkeit schon im Vorfeld zu begegnen, gibt es verschiedene Behandlungsansätze:

  • Bedarfstherapie
    Bei dieser entscheiden Sie selbst, wann Sie das Mittel anwenden. Dieser Ansatz eignet sich bei gelegentlichen und von allein abklingenden Schlafproblemen durch besondere Anlässe (Prüfungssituation).

 

  • Intervalltherapie
    Sie nehmen die Schlaftabletten vier Wochen lang täglich und setzen sie ausschleichend ab. Nach einer medikamentenfreien Phase konsumieren Sie sie falls nötig wieder eine festgelegte Zeit lang. Während dieser Zeit erhalten Sie idealerweise eine ergänzende Behandlung.

 

  • kontrollierte Bedarfsintervalltherapie
    Sie nehmen die Schlaftabletten zweimal bis dreimal wöchentlich an festgelegten Abenden nur, wenn Sie tatsächlich schlecht einschlafen können. Besonders effektiv ist dieser therapeutische Ansatz, wenn Sie eine zusätzliche nichtmedikamentöse Therapie erhalten.

 

  • Kombination mehrerer Medikamente
    Sie ist besonders hilfreich, wenn Sie abends an starken Ängsten leiden. Sie erhalten ein niedrig dosiertes Antidepressivum oder Neuroleptikum, das Ihr Erregungsniveau senkt und das Sie frühestens zwei Stunden vor dem Zubettgehen zuführen. Kurz vor der Nachtruhe nehmen Sie noch ein kurzfristig wirksames niedrig dosiertes Benzodiazepin ein.


Arten von Schlaftabletten


Schlaftabletten unterscheiden sich in Bezug auf die in ihnen enthaltenen Wirkstoffe. Neben den heute nicht mehr verordneten schädlichen Barbituraten gibt es folgende Substanzgruppen:

  • Benzodiazepine

 

  • Nichtbenzodiazepine

 

  • Antidepressiva

 

  • Neuroleptika

 

  • Antihistaminika

 

  • Clomethiazol (Distraneurin)

 

  • Phytopharmaka (pflanzliche Medikamente)

 

  • sonstige Präparate (L-Tryptophan, Serotonin, Melatonin)

 

Welche Schlaftabletten eingesetzt werden, richtet sich nach

  • der Art Ihrer Schlafstörung (Einschlaf- oder/und Durchschlafstörungen)

 

  • ihrer Ursache

 

  • ihrer Dauer

 

  • ihrer bisherigen Behandlung

 

  • Ihrem Alter

 

  • möglichen Gegenanzeigen


Benzodiazepine


Diese werden bevorzugt verordnet, weil sie verglichen mit anderen Schlafmitteln ein günstiges Wirkungs-Nebenwirkungs-Verhältnis haben. Darüber hinaus gehören sie zu den am gründlichsten erforschten Arzneimitteln. Benzodiazepine verstärken die Wirkung der Gamma-Amino-Buttersäure (GABA) im Gehirn.

Diese Substanz hemmt die nervöse Erregung. Benzodiazepine haben eine beruhigende, dämpfende, Angst lösende, muskelentspannende und krampflösende Wirkung. Stehen ihre müde machenden Eigenschaften im Vordergrund, nennt man sie Hypnotika.

Kurz wirkende Benzodiazepine wie Dormicum helfen bei Einschlafstörungen. Sie verursachen keine Tagesmüdigkeit (Hangover). Haben Sie Ein- und Durchschlafstörungen, erhalten Sie ein Benzodiazepin mit mittlerer Wirkdauer (Rohypnol, Lexotanil).

Bei diesem kann es am Folgetag zu einem leichten Hangover kommen. Können Sie nicht mehr durchschlafen, verordnet der Arzt Ihnen lange wirksame Schlaftabletten wie Librium und Staurodorm. Diese sind wegen ihres Überhangeffekts zusätzlich beruhigend und angstlösend.


Nichtbenzodiazepine


Diese kurz wirksamen Schlaftabletten werden erst seit den 1990er-Jahren verschrieben. Sie haben denselben Wirkort und dasselbe Wirkprofil wie Benzodiazepine und ausschließlich schlaffördernde Eigenschaften. Beispiele für Nichtbenzodiazepine sind Bikalm, Ximovan und Sonata.

Wichtigste Vorteile dieser Schlafmittel sind der geringere Gewöhnungseffekt und das niedrigere Risiko, davon abhängig zu werden. Daher setzt man sie insbesondere zur Kurzzeittherapie von Schlafstörungen ein.


Antidepressiva


Diese lange wirkenden Mittel wurden ursprünglich zur Behandlung von Depressionen entwickelt. Manche von ihnen (Aponal, Laroxyl, Equilibrin) sind wegen ihrer überwiegend dämpfenden und beruhigenden Eigenschaften schlafanstoßend.

Sie nehmen die mit 10 bis 25 mg Wirkstoff niedrig dosierte Schlaftablette etwa eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen ein. Antidepressiva eignen sich wegen ihres verglichen mit Benzodiazepinen niedrigeren Abhängigkeitspotenzials bevorzugt

  • für eine Langzeittherapie

 

  • bei (ehemals) vorhandener Substanzabhängigkeit

 

  • bei durch Depressionen verursachten Schlafproblemen

 

  • bei Schlafstörungen, die von depressiven Symptomen begleitet werden

    Sie beeinträchtigen weder die nächtliche Atmung noch den Muskeltonus. Ihre schlaffördernde Wirkung ist allerdings geringer als die der Benzodiazepine. Außerdem können sie mehr Nebenwirkungen als diese haben. Die Mehrzahl der Antidepressiva verkürzt oder unterdrückt den Traumschlaf (REM-Phase).


Neuroleptika


Medikamente dieser lange wirkenden Substanzgruppe werden normalerweise zur Therapie schwerer psychischer Störungen (Psychosen) eingesetzt. Sie dämpfen Erregungszustände und Ängste und reduzieren gefühlsmäßige Spannungen und Wahnideen.

Darüber hinaus haben sie je nach Medikament eine mehr oder weniger beruhigende und dämpfende Wirkung. Zur Behandlung von Schlafstörungen eignen sich ausschließlich schwache Neuroleptika, also Mittel mit niedriger antipsychotischer Wirkung wie Melleril und Neurocil. Sie sind das Mittel der Wahl bei

  • Schlafproblemen, die von einer Schizophrenie verursacht werden

 

  • Patienten, die keine Antidepressiva oder Benzodiazepine einnehmen dürfen

 

  • älteren Patienten

    Neuroleptika rufen im Normalfall keinen Gewöhnungseffekt und keine Abhängigkeit hervor und beeinträchtigen den Traumschlaf und das Herz-Kreislauf-System nicht. Die moderneren (atypischen) Neuroleptika sind mit einem niedrigeren Risiko für muskuläre Spätfolgen (Spätdyskinesien) verbunden. Zu ihrer Wirksamkeit bei nichtpsychotischen Patienten existieren noch keine klinischen Studien.


Antihistaminika


Antihistaminika sind eigentlich Medikamente gegen Allergien. Einige der rezeptfrei erhältlichen Monopräparate (Dormutil, Hoggar N, Hevert-Dorm) und Kombinationspräparate (Moradorm, Dolestan forte) machen zusätzlich müde. Diese Schlaftabletten haben eine mittlere Wirkdauer von einer bis drei Stunden und verglichen mit Benzodiazepinen eine geringere schlaffördernde Wirkung.

Medizinische Studien ergaben, dass sie bei längerer Anwendung Gewöhnungseffekte und eine Abhängigkeit hervorrufen können. Zur Behandlung von Schlafstörungen mit Antihistaminika gibt es derzeit noch keine umfassenden Studien.


Clomethiazol (Distraneurin)


Diese Schlaftabletten werden nur während eines Klinikaufenthalts verabreicht. Die Patienten sind Alkoholabhängige mit Delirien und Psychiatriepatienten mit Verwirrtheitszuständen. Das hochwirksame Arzneimittel kann die Atemfunktion während des Schlafs beeinträchtigen und wird wegen seines hohen Abhängigkeitspotenzials längstens eine Woche eingesetzt.


Phytopharmaka


Auch pflanzliche Arzneimittel können bei der Behandlung von Schlafstörungen hilfreich sein. Diese rezeptfreien Schlaftabletten haben eine durch wissenschaftliche Studien nachgewiesene leicht schlaffördernde Wirkung und so gut wie keine Nebenwirkungen. Sogar die Schlafarchitektur (Ablauf der Schlafphasen) kann sich durch Präparate mit

  • Baldrian

 

  • Hopfen

 

  • Passionsblume

 

  • Melisse

    verbessern. Phytopharmaka eignen sich zur Therapie akuter leichter Schlafstörungen. Darüber hinaus können sie das ausschleichende Absetzen chemisch-pharmazeutischer Schlaftabletten unterstützen.


Andere Präparate


L-Tryptophan ist eine essentielle Aminosäure (Protein-Vorstufe), die vom menschlichen Körper nicht selbst hergestellt werden kann. Sie wird im zentralen Nervensystem in die Botenstoffe Serotonin und Melatonin umgewandelt. Letzteres gilt als Schlafhormon, weil es für eine erholsame Nachtruhe sorgt.

Für eine optimale Wirkung sollten Sie das L-Tryptophan in Kombination mit Kohlenhydraten einnehmen. Das Mittel hat eine leicht schlafanstoßende Wirkung.


Vorteile und Nachteile von Schlaftabletten


Weil es auch heute noch trotz intensiver medizinischer Forschung kein für alle Patienten optimal geeignetes Schlafmittel gibt, müssen vor der Entscheidung für bestimmte Schlaftabletten sämtliche Vor- und Nachteile abgewogen werden. Die medikamentöse Therapie

  • bietet Ihnen bei akuten Schlafstörungen schnelle Hilfe, weil die Wirkung meist schon kurz nach der Einnahme eintritt

 

  • verhindert, dass Ihr Schlafproblem chronisch wird

 

  • beugt bei chronischen Schlafstörungen Folgeschäden wie nervöser Erschöpfung und Depressionen vor

 

  • ist bei der Aufdeckung der Ursache Ihres Schlafproblems hilfreich

 

  • erfolgt oft ergänzend zu einer Psychotherapie

    Wesentlicher Nachteil von Schlaftabletten ist, dass sie nur symptomatisch wirken. Daher sollte die Einnahme stets von zusätzlichen therapeutischen Maßnahmen begleitet werden.

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