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Insomnie: Für Jung und Alt folgenschwer

Jeder vierte erwachsene Bundesbürger leidet an behandlungsbedürftigen Schlafstörungen. Drei Millionen Menschen konsumieren regelmäßig Schlaftabletten. Von den über 65-Jährigen haben sogar zirka 50 Prozent Probleme mit dem Ein- und Durchschlafen. Das liegt vor allem daran, dass sich die Qualität des Schlafs mit zunehmendem Lebensalter verschlechtert. Auch Kinder und Jugendliche leiden oft unter Schlaflosigkeit.


Insomnie und Alter


Insomnie (Schlaflosigkeit) zeigt sich unabhängig vom Alter der Betroffenen mit Ein- und Durchschlafstörungen und zu frühem Erwachen. Der Patient leidet länger als vier Wochen am Stück in drei Nächten pro Woche an den genannten Schlafproblemen, die einzeln oder kombiniert auftreten.

Bei einer Insomnie weichen Schlafdauer, Schlafqualität und/oder Schlaf-Wach-Rhythmus vom alterstypischen Durchschnitt ab. Sie schränkt die Leistungsfähigkeit des Betroffenen mehr oder weniger stark ein.


So verändert sich der Schlaf im Alter


Die Schlafdauer nimmt mit steigendem Lebensalter langsam aber kontinuierlich ab. Dies ist zwischen dem sechzigsten und siebzigsten Lebensjahr nicht mehr der Fall. In diesem Alter treten allerdings größere Veränderungen in Bezug auf den Schlaf auf.

Obwohl ältere Menschen wie jüngere mindestens sieben Stunden Schlaf täglich benötigen, weicht die Verteilung der geschlafenen Stunden über den gesamten Tag ab. Ältere Personen verlegen etwa eine Stunde Schlaf auf Zeiten tagsüber und schlafen dafür nachts weniger. Ausgenommen sind natürlich die typischen Kurz- und Langschläfer.

Wie sich der Schlaf altersabhängig verändert, zeigt eine große Studie mit mehr als 3.000 Testpersonen zwischen 5 und 102 Jahren. Die Gesamtschlafzeit verringerte sich bei den 40- bis 70-Jährigen innerhalb von jeweils 10 Jahren um 10 Minuten. Dies entspricht einer um ungefähr 3 Prozent reduzierten Schlafdauer pro Dekade.

Im gleichen Zeitraum nahm der Tiefschlafanteil um zirka 2 % ab. Die 40- bis 70-jährigen Probanden lagen pro Dekade nach dem ersten Einschlafen durchschnittlich 10 Minuten länger wach. Die zum Einschlafen benötigte Zeit war im 70. Lebensjahr gegenüber den zwanzigjährigen Testpersonen lediglich um 5 Prozent erhöht. Diese Ergebnisse bestätigen die Erfahrungen aus der medizinischen Praxis:

Für ältere Menschen ist eher das nächtliche Wachliegen und nicht das Einschlafen problematisch. Sind Sie bereits in fortgeschrittenem Alter, können Sie sich nach den folgenden von Schlafmedizinern als normal bewerteten Kriterien richten:

  • Ihre gesamte Schlafdauer beträgt sechs bis acht Stunden.

 

  • Sie schlafen innerhalb von 30 Minuten ein, wobei die durchschnittliche Einschlafzeit bei 15 bis 20 Minuten liegt.

 

  • Im Alter von 70 Jahren dürfen Sie bis zu zwei Stunden pro Nacht wach liegen.

 

  • Zwei- bis viermaliges Aufwachen pro Nacht ist normal.

 

  • Leisten Sie sich einen Mittagsschlaf, sollte dieser aber nur maximal 30 Minuten dauern. Schlafen Sie mittags länger, fallen Sie unbeabsichtigt in Tiefschlaf und brauchen nach dem Erwachen bis zu 60 Minuten, bis Sie geistig wieder völlig leistungsfähig sind.

 

  • Eine Schlafstörung liegt vor, wenn Sie nach dem Aufstehen tagsüber müde sind oder unwillkürlich einschlafen.


Ursachen der Insomnie im Alter


Die bei älteren Menschen in Erscheinung tretende Insomnie hat grundsätzlich dieselben Ursachen wie Schlaflosigkeit bei jüngeren Menschen. Allerdings haben lediglich 5 bis 7 Prozent von ihnen Schlafprobleme, die von keiner physischen oder psychischen Erkrankung verursacht werden (primäre Insomnie).

40 % leiden am Schlafapnoe-Syndrom und werden nachts oft durch ungewollte Atemstillstände aus dem Schlaf gerissen. Nahezu ein Drittel der älteren Patienten mit Insomnie bewegen während des Schlafs ihre Beine, sodass sie am folgenden Morgen weniger erholt aufwachen.

Jeder zehnte ältere Mensch kann infolge des Restless-Legs-Syndroms nicht gut schlafen. Die altersbedingte Insomnie ist in der Mehrzahl der Fälle Folge von Erkrankungen wie Inkontinenz, Herzschwäche, Parkinson, Demenz, chronischem Schmerzsyndrom und Bettlägerigkeit. In diesem Fall spricht man von einer komorbiden Insomnie.


Behandlung der Insomnie bei älteren Menschen


Älteren Patienten mit anhaltender Schlaflosigkeit werden meist Benzodiazepine oder die sogenannten Z-Drugs (benzodiazepinähnliche Medikamente) zur Schlafförderung verschrieben. Letztere haben ähnliche Nebenwirkungen wie die Benzodiazepine. Bei einer krankheitsbedingten Schlaflosigkeit wird zwar zugleich die Grunderkrankung behandelt. Dennoch bleibt die Insomnie oft bestehen, sodass der Patient eine ergänzende Therapie benötigt.


Insomnie bei Kindern


Medizinische Studien ergaben, dass hierzulande bereits jedes vierte Kleinkind schlecht durchschläft. Bei jedem neunten zeigen sich sogar schwere Schlafstörungen. Die Mediziner sprechen allerdings bei Babys unter sechs Monaten noch nicht von Schlafproblemen, auch wenn sich die Kinder mit dem Schlafen schwer tun.

Säuglinge haben eine durchschnittliche Schlafdauer von 11,5 Stunden und müssen erst noch ihren eigenen Schlaf-Wach-Rhythmus finden. Erwachen sie nachts oft, liegt das daran, dass sie Hunger haben. Auch nach dieser Zeit ändern sich Schlafbedarf und Schlafdauer öfter. Normalerweise entwickeln Säuglinge bereits in ihren ersten sechs Lebensmonaten einen stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus.

Das tägliche Einschlafritual hilft ihnen dabei. Kommt es trotzdem einmal zu Schlafproblemen, gehen diese meist bald vorüber. Halten sie ab dem ersten Lebensjahr längere Zeit an und beeinträchtigen sie durch ihr häufiges Auftreten die Entwicklung und Gesundheit des Kindes, müssen die Eltern von einer Schlafstörung ausgehen.

Kleinkinder über zwölf Monaten, die an einer Insomnie leiden, können wegen ihrer täglichen Erlebnisse, der Entwicklungsphase, in der sie sich gerade befinden und infolge von Erkrankungen nicht gut ein- oder durchschlafen. Probleme gibt es außerdem dann, wenn das Kind zur Unruhe neigt, sein Verhalten nicht entsprechend seiner Entwicklung regulieren oder keinen eigenen Rhythmus finden kann.

In den meisten Fällen hängt das Ein- oder Durchschlafproblem mit anerzogenen schlechten Schlafgewohnheiten zusammen. Denn kann das Baby nur durch längeres Herumtragen einschlafen, benötigt es auch dann eine Einschlafhilfe, wenn es nachts wach wird. Das ist manchmal sogar noch bei älteren Kleinkindern der Fall. Oder wenn es in der magischen Phase seiner Entwicklung Angst vor Monstern hat. Dann leidet es an einer Insomnie.

Der sogenannte Nachtschreck (Pavor nocturnus) sorgt für ungewolltes Aufwachen. Die Babys schrecken aus dem Tiefschlaf hoch, haben unerklärliche Ängste und fangen an zu weinen. Anschließend haben sie Schwierigkeiten, wieder einzuschlafen. Zeigen sich bei Ihrem Kind derartige Ein- und Durchschlafprobleme, sollten Sie ihm besonders viel Zuwendung und Geborgenheit schenken.

Dann verschwinden sie oft von selbst. Und halten Sie insbesondere am Abend zu viel Aufregung von ihm fern. Emotionale Belastungen wie ein neues Geschwister oder ein Umzug können den Schlaf Ihres Kindes ebenfalls empfindlich stören.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Kölner Universität und der Porzer Kinderklinik durchgeführt wurde: In Familien, in denen starker Stress herrschte, litten die Kleinkinder deutlich häufiger an Insomnie.

Ältere Kinder können öfter wegen schulischer Überforderung nicht ein- oder durchschlafen. Sprechen Sie in dieser belastenden Situation besonders oft mit Ihrem Kind über seine Ängste und zeigen Sie ihm, dass es damit nicht allein ist. Und weihen Sie möglichst weitere Betreuungspersonen ein, wenn die Probleme mit Schule oder Kita zusammenhängen.

Kann Ihr Kind, das bisher keine Insomnie hatte, plötzlich nachts nicht wieder einschlafen, ist meist eine Erkrankung wie eine Mittelohrentzündung schuld. Allergien, verengte Luftwege und Mobilitätseinschränkungen können ebenfalls für chronische Schlafstörungen sorgen. Bei älteren Kindern sind meist andere Ursachen als Störungen des Rhythmus für die Insomnie verantwortlich (zu langes Fernsehen, Computerspiele, mangelnde Schlafhygiene).

Kinder im Schulalter leiden oft an den zu frühen Schlafenszeiten. Zehnjährige etwa brauchen mindestens zehn Stunden Schlaf pro Nacht. Gehen sie später zu Bett, weil sie noch nicht müde sind, fehlt ihnen am frühen Morgen dieser Schlaf. Insbesondere Teenager haben nach hinten verschobene Schlafphasen.

Sie sind abends später müde und können schlechter einschlafen. Das frühe Aufstehen sorgt dafür, dass sie chronischen Schlafmangel haben. Gehen sie am Wochenende noch später zu Bett, führt die verzögerte Melatoninfreisetzung an den Folgetagen zu gestörtem Einschlafen.


Folgen kindlicher Insomnie


Kleinkinder, ältere Kinder und Teenager zeigen nicht unbedingt die für Erwachsene mit Insomnie typischen Symptome wie Tagesmüdigkeit und Schläfrigkeit. Sie entwickeln langfristig Verhaltensauffälligkeiten wie leichte Ablenkbarkeit, emotionale Labilität und erhöhte Aggressivität. Oder sie werden hyperaktiv und haben Probleme mit den Lerninhalten.


Insomnie und Adipositas


An Adipositas (Fettleibigkeit) leidet, wer einen Body Mass Index von mehr als 30 hat. Dieser BMI gibt den Anteil des Körperfettgewebes an der gesamten Körpermasse wieder. Adipöse Menschen haben ein erhöhtes Risiko, später Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes zu bekommen.

Adipositas kann viele Ursachen haben. Eine davon sind Schlafstörungen, was vielen Menschen mit Insomnie allerdings nicht bekannt ist. Eine von der University of California in Berkeley durchgeführte Studie ergab, dass Schlafentzug gestörtes Essverhalten bewirkt:

Je kürzer der Schlaf in der vorangegangenen Nacht war, desto mehr Appetit hatten die Versuchspersonen auf kalorienhaltige, süße und fettige Nahrungsmittel wie Erdnussbutter, Schokolade und Kartoffelchips. Die 23 normalgewichtigen und gesunden Probanden wählten in übermüdetem Zustand bewusst derartige Speisen aus.

Als die Forscher sie bei der Wahl der Lebensmittel mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie untersuchten, zeigte sich in ihrer Amygdala eine erhöhte Aktivität. Diese Gehirnregion verarbeitet die ankommenden Sinnesreize und ist für das Entstehen menschlicher Emotionen verantwortlich.

Können sie nicht vom präfrontalen Kortex reguliert werden, etwa weil dieser wegen der Insomnie eingeschränkt arbeitet, sucht sich der Betroffene die Nahrungsmittel nur nach seinen Vorlieben aus. Hätte sich der präfrontale Kortex durchgesetzt, wäre die Auswahl zugunsten vernunftorientierter Kriterien wie Nährstoff- und Kaloriengehalt ausgefallen.

Die verringerte Schlafdauer verursacht ein gravierendes Stoffwechselproblem. Schlafen Sie zu wenig, erhöht sich Ihr Ghrelinspiegel, während Ihr Leptinspiegel gleichzeitig sinkt. Der hohe Ghrelinspiegel bewirkt ein starkes Hungergefühl und eine Appetitsteigerung. Weil zugleich nur geringe Menge des Hormons Leptin vorhanden sind, kann Ihr Körper den Hunger und Appetit nicht mehr eindämmen.

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